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Ist die Landarztquote die falsche Medizin?

Text und Foto/Quelle: Pjer Biederstädt /Westfälische Nachrichten (WN) vom 30.6.2018

Studentin Lena Bäumer und Hausarzt Dr. Jochen Veit sind sich einig: Die Landarztquote kann im Kampf gegen den Hausärztemangel im ländlichen Raum nur ein Baustein von vielen sein.

Lena Bäumer studiert im neunten Semester Medizin und kann sich gut vorstellen, später als Hausärztin auf dem Land zu arbeiten. Das macht sie zur Ausnahme. Die wenigsten ihrer Kommilitonen ziehen das in Betracht. Zu schlecht bezahlt, zu viele Risiken. Die Folge ist bereits sichtbar: akuter Hausärztemangel auf dem Land.

Langes Arzt-Patienten-Verhältnis
„Als Allgemeinmediziner auf dem Land zu praktizieren, ist sehr vielfältig“, sagt Dr. Jochen Veit. Zusammen mit Frank Emschermann hat er eine Hausarztpraxis in Nordwalde. Das Praktikum bei den beiden Landärzten hat Lena Bäumers Begeisterung für die Fachrichtung noch verstärkt. „Der Umgang mit den Menschen ist anders als im Krankenhaus, wo man Patienten nur wenige Tage behandelt“, sagt die 27-Jährige. An der Attraktivität des Berufs, da sind sich die beiden einig, liegt es nicht, dass zu wenig junge Mediziner Hausarzt werden wollen.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann hat das Problem erkannt und eine Landarztquote eingeführt. Er kündigte im Juni an, 7,6 Prozent der Medizin-Studienplätze an Bewerber vergeben zu wollen, die sich verpflichten, nach dem Abschluss mindestens zehn Jahre als Hausarzt in einer unterversorgten Region zu arbeiten. Nicht mehr nur die Abiturnote soll bei der Vergabe ausschlaggebend sein, sondern Berufserfahrung und Eignungstests sollen mitentscheiden.

„Dass Aufnahmekriterien für ein Medizinstudium gelockert werden, halte ich für richtig.“ Für Jochen Veit hat die Landarztquote aber mehr Schwächen als Stärken: „Es ist der falsche Ansatz, wenn sich 19-Jährige vor dem Studium auf eine Fachrichtung festlegen müssen.“ Damit ködere man Leute, die später im Beruf enttäuscht sind.

Zu frühe Festlegung?
Lena Bäumer sieht das ähnlich. „Es ist schwierig, die Entscheidung so früh zu treffen.“ Sie selbst hat sich im Studium mehrfach neu orientiert. Kein Wunder, denn einige Fachbereiche werden erst spät im Studium thematisiert. „Man weiß zu Beginn nicht, was es bedeutet, Allgemeinmediziner zu sein“, sagt die Studentin der Universität Münster.

Wenn nicht die Landarztquote, was kann dann den Ärztemangel stoppen? „Ein Ansatz wäre, die Geldverteilung neu zu regeln“, sagt Veit. Die Niederlassung als Kassenarzt werde immer unattraktiver: Der demografische Wandel schraubt die Arztbesuche pro Jahr nach oben. Dazu wird die Leistung bei steigenden Personalkosten schlechter bezahlt und in NRW bekommen Ärzte deutlich weniger Geld pro Patient als etwa in Süddeutschland.

Außerdem unterliegen sowohl die Arbeitszeit als auch die Medikamentenverordnung einem Budget. „Verschreibe ich beispielsweise zu viel Krankengymnastik, muss ich am Ende etwas von meinen Einnahmen zurückzahlen“, erklärt Veit. Die Regressforderungen schwebten immer wie ein Damoklesschwert über den Hausärzten. Das spricht sich herum, auch an den Unis.

Veit stellt klar, dass es ihm persönlich nicht um mehr Geld geht. Doch der Gehaltsvergleich mit anderen Ärzten, die die gleiche Ausbildungszeit investieren, sei oft abschreckend für den Medizinernachwuchs. „Wenn man die Position des Landarztes stärken will, muss man die Reglementierung der Budgets lockern. Das wäre wirksamer als eine Landarztquote.“

Lena Bäumer ist noch nicht zu hundert Prozent sicher, ob sie sich später als Hausärztin auf dem Land niederlassen wird. Für NRW wäre es jedenfalls schlecht, wenn die Bedenken vor zu großen Risiken sie davon abbrächten.

Hausbesuch am Krankenbett: In vielen vornehmlich ländlichen Regionen gibt es immer weniger niedergelassene Ärzte. NRW will das mit der Landarztquote regeln. Aber ist das ein guter Weg?

Zahlen zum Landarztmangel
In NRW waren dem Gesundheitsministerium zufolge schon im Herbst vergangenen Jahres 574 Hausarztstellen unbesetzt. Besserung ist nicht in Sicht – im Gegenteil: Im Bezirk Westfalen-Lippe sind 37 Prozent der Hausärzte über 60 Jahre alt. Und es kommen viel zu wenig junge nach: Aktuell gehen jährlich etwa 220 in den Ruhestand, es rücken aber nur gut 110 nach.

 

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