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Plötzlich Pädagoge - Über den Seiteneinstieg ins Lehramt

Text/Quelle: Elmar Ries, Westfälische Nachrichten (WN) vom 27.1.2018
Foto: Wilfried Gerharz/ WN

"Ich hatte nicht studiert, um Lehrer zu werden.", sagt Dr. Alexander von Düsterlohe. Heute ist er froh und glücklich, einer zu sein. In NRW-Schulen unterrichten immer mehr Seiteneinsteiger. Einer von ihnen ist von Düsterlohe.

Früher hat der studierte Astrophysiker an der Europäischen Südsternwarte in Chile Weltraum-Teleskope zu­sammengebaut, heute unterrichtet er am Bocholter St.-Georg-Gymnasi­um Mathematik und Physik. Der 44-Jährige ist Seiteneinsteiger. Einer von inzwischen vielen.

2017 wurden an Schulen in NRW 779 Quereinsteiger eingestellt. Zwei Jahre zuvor waren es noch 159. Inzwischen sind landesweit mehr als zehn Prozent aller neu eingestellten Lehrer in NRW keine regulär ausgebildeten Pädagogen. Und es werden immer mehr.

"Ich hatte nicht studiert, um Lehrer zu werden."
Heute ist er froh und glücklich, einer zu sein

Von Düsterloh ist längst ein alter Hase im Klassenraum. Schließlich hängte er seinen ersten Job schon vor zehn Jahren an den Nagel. Leben und arbeiten auf 5000 Metern Höhe war auf Dauer nicht sein Ding. Sich von Zeitvertrag zu Zeitvertrag zu hangeln noch viel weniger. „Ich hatte nicht studiert, um Lehrer zu werden“, sagt er rückblickend. Heute ist er froh und glücklich, einer zu sein.

Der Lehrermangel grassiert in immer mehr Schulen und allen Schulformen. Besonders betroffen ist die Primarstufe. Zwischen November 2017 und Mai 2018 werden im Regierungsbezirk Münster 43 Seiteneinsteiger in den Schuldienst wechseln, allein 20 von ihnen treten ihren Dienst im Kreis Recklinghausen an. Hier ist die Not besonders groß. Allein an den Grundschulen sind derzeit 50 Stellen nicht besetzt. Regierungspräsidentin Dorothee Feller hat darum angekündigt, dass an Schulen im Münsterland nur noch als Lehrer angestellt wird, wer zuvor zwei Jahre in der Sorgenkind-Region unterrichtet.

Not macht erfnderisch: Aktuter Lehrermangel erfordert schnelle Lösungen
„Besondere Situationen erfordern besondere Maßnahmen“, sagt Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Die Quereinsteiger hülfen den Schulen, die aktuelle Lehrerlücke zu schließen und Un­terrichtsausfall zu vermeiden. Quereinsteiger an Grundschulen gab es in NRW fast noch nie. Einen einzigen Fall hat das Ministerium 2015 registriert, 2017 waren es 219. Grundsätzlich sei es Ziel der Landesregierung, „freie Lehrerstellen mit grundständig ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern zu besetzen“. Wenn es sie denn gäbe.

Beim Landesverband der Gewerkschaft Bildung und Erziehung (VBE) sieht man all das kritisch. „Der Seiteneinstieg ist nur als Notlösung zu sehen“, sagt der VBE-Landesvorsitzende Stefan Behlau auf Nachfrage. „Wir brauchen originär ausgebildete Lehrer und keine kreativen Lösungen.“ Hilfreich wäre hier eine nachhaltige Personalplanung.

70 Lehrer unterrichten am Bocholter St.-Georg-Gymnasium. Derzeit zwei, bald drei Pädagogen sind Quereinsteiger. Demnächst kommt eine Künstlerin, um Kunst zu un­terrichten. Schulleiterin Sigrid Kliem kann dem viel Positives abgewinnen. Schulen seien in Sachen Wissensvermittlung immer so etwas wie Inseln, sagt sie. Wenn solche Systeme „auf Erfahrung aus der Wissenschaft oder Wirtschaft treffen“, könne das bereichernd sein. Gleichwohl: Es bleibe letztlich eine Mangelverwaltung.

Bereut hat von Düsterlohe den Schritt nie. Auch wenn es am Anfang hart war. Freitags hatte er sich in Krefeld an seiner ersten Schule vorgestellt, montags fing er an und war sofort Klassenlehrer. Er un­terrichtete und machte be­rufs­begleitend sein zweites Staatsexamen, er musste sich behaupten ge­genüber kritischen Kollegen und voreingenommenen Eltern: „Sie können das doch gar nicht.“ Sätze wie diesen hörte er anfangs oft.

NRW: 779 Quereinsteiger in 2017
779 Quereinsteiger im Jahr 2017. Wie geht es weiter? Das Ministerium hält sich bedeckt. Bis weit in die 2020er Jahre hinein sei damit zu rechnen, dass mehr Stellen auch für Quereinsteiger geöffnet werden, heißt es vage. Dass der Mangel andauert, darauf deutet auch der jüngste Vorstoß der Ministerin hin: Unternehmen sollen künftig Fachkräfte zum Un­errichten abordnen. Erste Gespräche darüber habe es mit der IHK und Handwerkskammer bereits gegeben.